
Im Herbst 2014 steckte ich mitten in der Arbeit an dem Buch Stadt. Land. Flucht. Kuhmist oder Kohlenmonoxid, in dem mein Autorenkollege Karsten Weyershausen das Leben in der Großstadt verteidigte und ich das Leben auf dem Lande. Monatelang sammelte ich Argumente für meine Position, und die Frage, wo es sich besser lebt, ließ mich nicht mehr los. Sie saß beim Frühstück mit am Tisch, sie ging mit mir einkaufen. Und an einem Sonntag im November begleitete sie mich ins Braunschweigische Landesmuseum, wo ich mir zusammen mit meiner Mutter die Sonderausstellung »1914 … Schrecklich kriegerische Zeiten« ansah. Sie erinnerte an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor genau hundert Jahren. Knapp drei Stunden lang gingen wir an Vitrinen vorbei, in denen der Krieg in seine Einzelteile zerlegt lag: Gewehre, Granathülsen, Uniformen, daneben das Persönliche, das ihn erst unerträglich macht – Tagebücher, Fotos, Feldpostbriefe, Orden. Danach saßen wir bei mir in der Küche und rührten schweigend die Milch in den Kaffee. Die Ausstellung hatte uns mehr mitgenommen, als wir zugeben wollten.
»Hast du eigentlich Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg?«, fragte ich meine Mutter.
Natürlich konnte sie keine haben. Als sie 1937 geboren wurde, war der Erste Weltkrieg offenbar schon so gründlich vergessen, dass man in Deutschland bereit war, den nächsten anzuzetteln. Aber um eine Antwort ging es mir auch gar nicht. Ich wollte nur, dass einer von uns beiden etwas sagte, damit wir das Gesehene verarbeiten konnten.
»Ich muss gerade an die Weihnachtsbäume denken«, sagte meine Mutter.
»An die Weihnachtsbäume?«
»Ja. Die bunten Lichter am Himmel, als Braunschweig im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde. Das konnten wir von unserem Dorf aus gut sehen. Weiße, rote und grüne Lichter, die ganz langsam herunterkamen und alles hell machten, damit die englischen Piloten wussten, wohin mit ihren Bomben. Weihnachtsbäume haben wir dazu gesagt. Weil es aussah, als stünden große Weihnachtsbäume am Himmel.«
Was meine Mutter meinte, hieß im Volksmund »Christbäume«: Leuchtkörper, die in rund tausend Metern Höhe etwa sechzig Leuchtkerzen freisetzten und das Ziel minutenlang taghell ausleuchteten. Danach warfen die Pfadfindermaschinen der Royal Air Force ihre roten und grünen Zielmarkierungen ab. In der Nacht zum 15. Oktober 1944 entfachte der Angriff einen Feuersturm, der über neunzig Prozent der mittelalterlichen Braunschweiger Innenstadt zerstörte. Meine Mutter war damals sieben Jahre alt.
»Aus der Ferne war das sicher ein faszinierender Anblick«, sagte ich vorsichtig.
»Ja, war es.«
»Aber in der Stadt wollte man in dem Moment nicht sein.«
»Nein. Wollte man nicht.«
Wir rührten wieder in unseren Kaffeebechern. Und ausgerechnet jetzt schob sich mir eine Frage in den Kopf, die hier nichts zu suchen hatte: War das Leben auf dem Land vielleicht auch deshalb vorzuziehen, weil man dort in Kriegszeiten sicherer war? Ich schämte mich ein bisschen dafür, sie überhaupt gedacht zu haben. Aber Fragen klopfen nicht an. Diese hier brachte auch noch Bilder mit: eine Stadt in Flammen, schmelzender Asphalt, einstürzende Häuser, Menschen, die um ihr Leben rannten – und ein paar Kilometer weiter ein Dorf, das vom Gartenzaun aus ein großes, buntes Feuerwerk bestaunte. Eine bizarre Vorstellung.
Gänzlich neu war die Frage für mich nicht. Ein paar Tage vor unserem Museumsbesuch war ich beim Sammeln von Stichworten für das Stadt-Land-Flucht-Buch auf den Begriff »Landverschickung« gestoßen. Ich hatte immer angenommen, die Idee, Kinder und junge Mütter aufs sichere Land hinauszubringen, sei im Zweiten Weltkrieg entstanden, als die großen Städte ins Visier der Bomber gerieten. Eine erste Recherche belehrte mich jedoch eines Besseren. Schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden bedürftige und gesundheitlich gefährdete Stadtkinder zur Erholung aufs Land geschickt, ganz ohne Krieg als Anlass. Ab 1916 koordinierte eine »Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder« mehrwöchige Ferien auf dem Land, und allein 1923 wurden auf diese Weise 488.000 Kinder verschickt. Fast eine halbe Million Großstadtnasen, die zum ersten Mal erfuhren, wie ein Bauernhof riecht.
Ihren Charakter änderte die Landverschickung erst im Krieg – genauer gesagt ab Oktober 1940, als auf Anordnung Hitlers die sogenannte Erweiterte Kinderlandverschickung begann. Nun sollten Kinder aus den luftkriegsgefährdeten Städten in sicherere Gebiete gebracht werden, zunächst vor allem aus Hamburg und Berlin. Sehr fürsorglich, könnte man meinen. Ganz so einfach war es nicht. Die Zehn- bis Vierzehnjährigen kamen meist mit ihrer Schulklasse für Monate in KLV-Lager, und dort hatte die Hitlerjugend das Sagen. Fahnenappelle, Kampflieder, Geländespiele – fern von den Eltern ließen sich die Heranwachsenden in aller Ruhe auf die Ideologie der Nationalsozialisten einschwören. Ein durchaus willkommener Nebeneffekt: Die Mütter, die in den Städten zurückblieben, konnten nun für »kriegswichtige Arbeiten« eingesetzt werden, etwa in der Rüstungsindustrie.
Jüngere Kinder und Mütter mit Kleinkindern brachte dagegen die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt bei Gastfamilien auf dem Land unter. Und hier wird es, bei allem Ernst, beinahe komisch, denn das Zusammenleben von Städtern und Landbevölkerung verlief nicht immer reibungslos. Die Gastgeber beschwerten sich über mangelnde Mithilfe im Haushalt und auf dem Feld, die Großstädter galten als »zu anspruchsvoll«. Der Kulturkampf zwischen Kuhmist und Kohlenmonoxid ist also deutlich älter als unser Buch. Der Historiker Gerhard Kock hat die Geschichte der Kinderlandverschickung in seiner 1997 erschienenen Studie »Der Führer sorgt für unsere Kinder …« – Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg ausführlich dokumentiert.
»Hattet ihr eigentlich auch Kinder aus der Stadt aufgenommen?«, fragte ich meine Mutter.
»Wir nicht, nein. Aber im Dorf natürlich schon. Du kennst doch Tante Renate.«
»Die aus Wuppertal?«
»Ja. Die kam mit der Landverschickung zu uns.«
»Und? Habt ihr euch gestritten?« Schon wieder so eine Frage, die nicht recht in unser Gespräch passen wollte. Meine Mutter sah mich irritiert an.
»Warum hätten wir uns streiten sollen? Sie war meine beste Freundin.«
»War nur so eine Frage«, sagte ich. »Aber es klingt so, als wäre man im Krieg auf dem Land deutlich sicherer gewesen. Von den Bombenangriffen wart ihr ja zumindest nicht direkt betroffen.«
»Wir hatten Tiefflieger«, sagte meine Mutter trocken.
»Tiefflieger? Bei uns im Dorf?«
»Natürlich. Wegen der Eisenbahnlinie. Die haben aber auf alles geschossen, was sich bewegte. Nicht nur auf Züge.«
Ich war überrascht. Mein Bild von Tieffliegern setzte sich bis dahin aus alten Kriegsfilmen zusammen, und mit dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hatte ich sie nie in Verbindung gebracht.
»Dann musstet ihr euch immer flach auf den Boden werfen«, ergänzte ich mit meinem gesammelten Kriegsfilmwissen.
»Wir sind in die Büsche gesprungen.«
Mein Kopfkino lief wieder an. Ich sah meine Mutter und Tante Renate als kleine Mädchen, mit Kleidchen und Zöpfen, wie sie vor einem Jagdflugzeug davonrannten und sich in eine Dornenhecke drückten. Und ich sah, wie meine schöne Theorie vom sicheren Landleben Risse bekam.
»Und dann waren da noch die Phosphorbomben.«
»Phosphorbomben?«
Für einen Augenblick beschlich mich der Verdacht, dass sich nun auch die Erinnerung meiner Mutter aus Hollywood bediente. Ich wusste aus einer Fernsehdokumentation, dass die Royal Air Force im August 1943 beim Angriff auf die Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom Tausende Phosphorbomben abgeworfen hatte, dass bis heute Phosphorklumpen an die Strände der Insel gespült werden und dass Urlauber sie immer wieder mit Bernstein verwechseln – mit schweren Verbrennungen als Folge. Aber Usedom ist weit weg von unserem Dorf.
»Phosphorbomben?«, wiederholte ich, diesmal mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Ach«, seufzte meine Mutter, »weiß ich doch auch nicht, ob das wirklich Phosphorbomben waren. Das waren so Hälften von einem großen Behälter, die nach den Angriffen bei uns auf dem Feld lagen. Uns hat man gesagt, da wären Phosphorbomben drin gewesen.«
Eine Recherche am späten Abend brachte etwas Licht ins Dunkel. Ab 1943 warf die Royal Air Force ihre kleinen Stabbrandbomben zunehmend in sogenannten Cluster Projectiles ab – bombenförmigen Behältern, die in geringer Höhe aufbrachen und ihre Ladung über eine möglichst große Fläche verteilten. Ein solcher Behälter vom Typ No. 14 enthielt 106 Stabbrandbomben; seine leeren Hälften fielen hinterher einfach zu Boden. Ob es Phosphor war, Magnesium oder beides, lässt sich achtzig Jahre später nicht mehr klären. Für ein Kind war das vermutlich ohnehin dasselbe Wort für dieselbe Angst.
»Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas einfach auf der Wiese herumlag«, sagte ich. »Wer hat das denn weggeräumt?«
»Wir haben damit gespielt.«
»Ihr habt damit gespielt?«
»Ja. Diese Hälften konnte man wunderbar als Boot nehmen. Renate und ich sind damit auf dem Dorfteich herumgepaddelt.«
Ich sah meine Mutter mit großen Augen an. Der Begriff »Kriegsspielzeug« bekam für mich in diesem Moment eine ganz neue Bedeutung.
Dieser Text erschien in einer ersten Fassung in dem Buch Stadt. Land. Flucht. Kuhmist oder Kohlenmonoxid von Holger Reichard und Karsten Weyershausen (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2015). Für die Veröffentlichung im Blog wurde er einem neuerlichen Faktencheck unterzogen und grundlegend überarbeitet.