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		<title>Sei kein Ötzi</title>
		<link>https://www.wortmax.net/sei-kein-oetzi/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Holger Reichard]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jul 2024 14:07:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[History]]></category>
		<category><![CDATA[Feuersteinpfeil]]></category>
		<category><![CDATA[Mumie]]></category>
		<category><![CDATA[Niederjochferner]]></category>
		<category><![CDATA[Ötzi]]></category>
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				<div class="et_pb_text_inner">Im September 1991 wurde in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferner in 3.210 Metern Höhe eine mumifizierte Leiche entdeckt. Wir alle kennen sie unter dem Namen Ötzi. (Die Jüngeren vielleicht auch unter dem Namen Jürgen Vogel.) Die Medien haben in den vergangenen drei Jahrzehnten immer wieder darüber berichtet. Denn Ötzi ist eine echte Sensation: die einzige erhaltene und auf natürlichem Wege konservierte Leiche aus der Zeit um 3.400 v. Chr. in Mitteleuropa.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Wenn ich im Fernsehen sehe, wie Ötzi bzw. seine verschrumpelten Überreste aus dem Kühlraum geholt und behutsam auf den Seziertisch gelegt werden, komme ich immer ins Grübeln. Ich frage mich, was Ötzi wohl denken und fühlen würde, wenn er sich heute so sehen könnte, wie die Welt ihn untersucht, sein Leben und seinen Tod erforscht, darüber rätselt und spekuliert. Und ich frage mich, wie es wohl wäre, wenn meine Leiche nicht zu Staub zerfallen oder in einer Rauchwolke aufgehen würde, sondern sie zum Beispiel aufgrund einer unerwartet hereinbrechenden Eiszeit oder in Folge eines unachtsamen Spaziergangs durch eine Moorlandschaft erhalten bliebe und ein paar ahnungslose Spaziergänger sie in etwa 5.000 Jahren mumifiziert wiederentdeckten. Wäre es mir Recht, wenn die Wissenschaftler mich dann für alle Welt auf den Präsentierteller legten? Ich bin mir nicht sicher.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Keine Einwände hätte ich wohl, wenn man mich in einem schicken Anzug entdecken würde, mit einem warmherzigen Lächeln im Gesicht sowie irgendetwas Bedeutsames in der Hand haltend, etwas, das der Menschheit in 5.000 Jahren vielleicht weiterhilft. Weniger erfreut wäre ich wohl, wenn man mich wie Ötzi in Gestalt einer getrockneten Tomate vorfände und nach intensiver Untersuchung meines krustigen Unterleibs der ganzen Welt verkündete, ich hätte zeitlebens viel zu viel Bier getrunken oder aufgrund fehlender oder heftiger Abnutzungserscheinungen im Beckenbereich so und so oft Sex gehabt. Manches möchte man gerne mit in ein für alle Zeiten unentdecktes Grab nehmen.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aber wir können es uns nicht aussuchen. Meine Empfehlung lautet deshalb, wenigstens ansatzweise zu versuchen, so zu leben, dass wir auch in 5.000 Jahren noch eine gute Figur abgeben. Dazu gehört, sich möglichst wenig Feinde zu machen. Denn sie sind Ötzi erwiesenermaßen zum Verhängnis geworden. Nach Angaben der Forscherinnen und Forscher war er von einem Feuersteinpfeil in die linke Schulter getroffen worden und daraufhin binnen weniger Minuten innerlich verblutet. Zugegeben, in der heutigen Zeit von einem Feuersteinpfeil getroffen zu werden, ist ziemlich unwahrscheinlich. Aber ist es nicht ebenso tragisch, wenn Archäologen vielleicht in einigen tausend Jahren die Gräber von Hollywood öffnen und dort auf Millionen von unzersetzten Brustimplantaten stoßen?</div>
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				<div class="et_pb_text_inner">Foto: Tourismusverein Schnalstal, abfotografiert bei einem Besuch im September 2016 im <a href="https://www.archeoparc.it/" target="_blank" rel="noopener">archeoParc, Schnalstal</a>, Italien</div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_divider et_pb_divider_1 et_pb_divider_position_ et_pb_space"><div class="et_pb_divider_internal"></div></div>
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		<title>Klassiker der Lokalliteratur</title>
		<link>https://www.wortmax.net/klassiker-der-lokalliteratur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Holger Reichard]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 May 2024 17:20:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[History]]></category>
		<category><![CDATA[Braunschweig]]></category>
		<category><![CDATA[Charly's Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Ollu Kawollu]]></category>
		<category><![CDATA[Speisekarte]]></category>
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				<div class="et_pb_text_inner">Seit über 40 Jahren haue ich in die Tasten. Mal mehr, mal weniger. Angefangen hat alles mit Lyrik und Prosa, etwa Mitte der 1980er Jahre, noch auf einer kleinen Reise-Schreibmaschine von privileg. Die Boomer werden sich erinnern. Es folgten die ersten Veröffentlichungen in Anthologien sowie journalistische Arbeiten für Stadtmagazine und die Braunschweiger Zeitung. Ab Anfang der 1990er Jahre war ich als Werbetexter für Unternehmen und Werbeagenturen unterwegs und befüllte unzählige Werbebriefe, Produkt-Flyer, Broschüren, Kundenmagazine und Plakate mit Buchstaben, später auch Newsletter und Internetseiten. Nebenbei verfasste ich ein ganzes Drehbuch (<em>Die Marx Brothers in Hamburg</em>), ein Kurzhörspiel für den WDR (<em>Schwarz auf Weiß</em>), werkelte an Roman-Ideen über Guiseppe Garibaldi und den Mauerfall herum und unterstützte überforderte Sachbuchautoren. Im Frühjahr 2009 erschien im Berliner Verlag Schwarzkopf &#038; Schwarzkopf dann endlich mein erster Essay-Band und schon bald darauf noch weitere Bände in Zusammenarbeit mit dem verehrten Kollegen Karsten Weyershausen. Über 40 Jahre! Es wäre zwar nicht nützlich, aber schon interessant zu wissen, wieviel Prozent der Erdoberfläche sich mit meinen getippten Buchstaben bedecken ließen, würde man sie in einer Schriftgröße von 72 Punkt nebeneinanderlegen. So viel zur Quantität.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Was die Qualität des Geschriebenen betrifft, wünschte ich, dass viele meiner jüngeren Veröffentlichungen ein größeres Publikum gefunden hätten. Andererseits wäre ich froh, wenn das Internet – anders als viele behaupten – so manches schnell vergessen oder gar nicht erst entdecken würde. Einige Elaborate aus dem Eozän meines Schriftstellerlebens zum Beispiel, erste spätpubertäre Gedichte oder auch die Geschichte von Ollu Kawollu, dem König der Nasen. Beides lässt sich noch heute in der virtuellen Welt aufspüren. Die Gedichte mit relativ wenig Aufwand über Google Books, Ollu Kawollu mit etwas mehr Aufwand über archive.org. Um Euch die lästige Detektivarbeit zu ersparen, präsentiere ich Euch hier die Geschichte von Ollu Kawollu (siehe weiter unten), zweifellos der albernste und sinnbefreiteste Text, den ich je geschrieben habe. Warum bringt man so etwas zu Papier? Diese Frage ist durchaus berechtigt, aber es gibt eine Erklärung.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zu Beginn der 1990er Jahre arbeitete ich in einer kleinen Werbeagentur, deren Spezialität es war, lustige Speisekarten für die damals blühende Braunschweiger Erlebnis-Gastronomie zu konzipieren. So auch für Charly’s Tiger in der Wilhelm-Bode-Straße, eine Lokalität, die jedem waschechten Braunschweiger ein Begriff ist, und ganz sicher auch vielen Zugezogenen. Denn es gibt sie inzwischen seit über 30 Jahren. Ich erinnere mich noch gut an die Eröffnungsfeier im Dezember 1990 und daran, wie kurz zuvor in der Agentur unter enormen Zeitdruck an der umfangreichen Speisekarte gebastelt wurde. Wenige Stunden vor Druck-Abgabetermin war immer noch eine Seite mit Inhalt zu füllen. Eine einzige Seite. Nur mit was? Getränke und Speisen waren ausführlich beschrieben, das Grußwort war fertig, alle Illustrationen erstellt, die Zitate komplett. Deshalb wurde ich beauftragt, auch etwas beizusteuern und verfasste unter größter Zeitnot die Geschichte von Ollu Kawollu. Wie gesagt, der albernste und sinnbefreiteste Text, den ich je geschrieben habe – und sehr wahrscheinlich das mit weitem Abstand meistgelesene Werk meiner 40jährigen Autorenlaufbahn. Denn der Text in der Speisekarte wurde über drei Jahrzehnte hinweg nicht verändert (lediglich die Preise, die allerdings ständig). Und die Hütte war &#8211; vor allem in den ersten Jahren &#8211; fast immer gerammelt voll.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Als ich vor vier, fünf Jahren das letzte Mal Charly’s Tiger besuchte, lag dort noch immer die Speisekarte mit Ollu Kawollu auf dem Tisch. Es wäre zwar nicht nützlich, aber schon interessant zu wissen, wie viele Menschen sich in einem Zeitraum von 30 Jahren beim Warten auf das bestellte Essen oder Getränk die Zeit mit der Speisekarte bzw. meinem König der Nasen vertrieben haben. Ob es über die lange Zeit hinweg mehr Menschen waren als Braunschweig Einwohner hat? Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir hier eher in der Kategorie München oder Hamburg denken müssen, vielleicht sogar in der Kategorie Guangzhou. Es dürfte zumindest keine Übertreibung sein, wenn ich behaupte, dass Ollu Kawollu heute als Klassiker der Lokalliteratur gilt, und weil der Text nach über drei Jahrzehnten schmackhaft zubereiteter Bratkartoffeln und Millionen frisch gezapfter Biere nun endlich nicht mehr Bestandteil der Speisekarte ist, dürften die Rechte daran wieder bei mir liegen. Ich will Euch das vermeintliche Kunstwerk daher nicht länger vorenthalten, sofern Ihr es nicht ohnehin schon etliche Male gelesen habt.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hier ist es:</div>
			</div><div class="et_pb_with_border et_pb_module et_pb_text et_pb_text_3  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p style="text-align: center;"><em>An EinfallsReich-Art Menue-Card-Production presents</em></p>
<h3 style="text-align: center;">Ein Tiger flog übers Affennest</h3>
<p style="text-align: center;">cast:<br />Ollu Kawollu &#8230;&#8230;.. Ollu Kawollu<br />Illi Kawilli &#8230;&#8230;.. Illi Kawilli<br />Gemeine Leierschnepfe &#8230;&#8230;.. Jack Nicholson</p>
<p>Das Tropentreffen der summatrischen Nasenaffen e.V. war ein rhinologischer Erfolg. Das zuvor fein mit Lianen verzierte Buffet war bis auf die letzte Aprikosenstulle verzehrt. Die Salat-Safari hatte ihren appetitlichen Weg durch unzählige Fruchtschalen gezogen und auch die selbst zubereitete, aber berüchtigte Baumhaus-Bowle hatte ihre Abnehmer gefunden. Ollu Kawollu, der König der Nasen (wie er im Dschungel-Jargon genannt wurde), machte ein Bäuerchen; das schlabbernde Geräusch seines Sinnesbeutels war fast bis Djarkarta zu hören. Erst in der letzten Regenzeit konnte er unter dem tobendem Applaus wackelnder Riechorgane den öffentlichen Teil der Wipfelkonferenz abschließen. Der vereinbarte Territorialvertrag mit der gemeinen Leierschnepfe – ein ungeliebter Nachbar der Nasenaffen – stand perfekt. Der Dschungel wurde in Baumsektoren aufgeteilt: Die Berührungsängste zwischen riechenden Punching-Bällen und leiernden Gezwitscher waren nunmehr unbegründet. Ein Problem war für Ollu Kawollu aber noch zu bewältigen – der Friedensvertrag mit dem monarchistisch gesinnten KönigsTigern musste abgeschlossen werden, für eine gesicherte Zukunft im Regenwald! Denn lange Zeit war das reißerische Reißen der getigerten Großkatzen den Affen ein Dorn in der Nase. Zu viele dieser Nasen nämlich fielen der skrupellosen Organplünderei zum Opfer; ein Geschäftstüch-Tiger verhökerte diese als Eierwärmer nach Hongkong oder als luxuriöse Fingerpelze für verwöhnte Millionärsfrauen in Amerika. Ollu Kawollu hatte oft mit seiner Nasenaffenfrau Illi Kawilli dieses brisante Thema beschnuppert, und der in seiner Vorrede geäußerte Vorschlag, sich zu Friedensverhandlungen in der Provinz bereit zu erklären, wurde jubelnd begrüßt. In einer offiziell anerkannten Tiger-Botschaft in Braunschweig sollten nun graumelierte Königsnasen und gelbgetigerte Großtatzen zusammenkommen. Was daraus wurde? Dazu mehr demnächst in dem Fortsetzungdrama »Nasablanca« mit Ingrid Tatzmann und Sumphrey Tigert – hier in Charly&#8217;s Tiger.</p></div>
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		<title>Die Unfallchronik der Menschheit</title>
		<link>https://www.wortmax.net/die-unfallchronik-der-menschheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Holger Reichard]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Mar 2023 20:42:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[History]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Wilhelm Voigt]]></category>
		<category><![CDATA[Heinz Rühmann]]></category>
		<category><![CDATA[Köpenick]]></category>
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		<category><![CDATA[Wolfsburg]]></category>
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				<div class="et_pb_text_inner">Geschichte ist die Unfallchronik der Menschheit, soll der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord einmal gesagt haben. Seit eines Samstags im April 2007, als ich auf einer Geburtstagsfeier in der Nähe von Wolfsburg war, weiß ich, dass man diese Weisheit nicht nur auf die großen historischen Ereignisse beziehen kann. Auch die eigene Vergangenheit bzw. Ahnengeschichte scheint reich an spektakulären Crashs.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Feier fand in jenem Ort statt, in dem einst mein leiblicher Vater das Licht der Welt erblickte. Er verstarb viel zu früh nach einem Motorradunfall im September 1968, weshalb ich zu diesem Ort schon lange keinen Bezug mehr habe und nur wenige der Party-Gäste kannte. Völlig unbekannt waren mir auch die zwei  Damen weit fortgeschrittenen Alters, die plötzlich warmherzig lächelnd auf mich zukamen, als ich noch unwissend an meinem Glas Bier nippte. Sie fragten mich, ob ich nicht ein Reichard sei, und ob ich denn nicht wüsste, dass mein Opa den Hauptmann von Köpenick kannte.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;»Wie jetzt? Mein Opa kannte Heinz Rühmann?«, fragte ich erstaunt.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;»Nein, nein«, erwiderten die beiden Damen, rückten verschwörerisch an mich heran und begannen derart geheimnisvoll zu kichern, dass ich mich fühlte wie Cary Grant in »Arsen und Spitzenhäubchen«. »Ihr Opa kannte den echten Hauptmann«, sagten sie, »den Schuster Voigt.«<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kurzes genealogisches Rechnen. Wann war der berühmte Hochstapler nochmal unterwegs? In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts? War mein Opa zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon auf der Welt? Ich wusste es nicht, aber wenn er bereits zu wilhelminischen Zeiten durch die Gegend stolperte, musste er noch ein Kleinkind gewesen sein. Was hatte mein Opa als Knirps im Matrosenanzug mit dem Schuster Voigt zu tun? Verwirrung. Nach einer Weile kamen wir darauf, dass wir nicht von meinem Großvater sprachen, sondern von meinem Urgroßvater, von Otto Winkelmann, dem Vater meiner Oma väterlicherseits.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;»Genau, diesen Otto, den meinen wir«, bestätigten die Damen &#8230; und kicherten.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;»Und was genau hatte Otto Winkelmann jetzt mit dem Hauptmann von Köpenick zu tun?«, erkundigte ich mich.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;»Na, er war damals dabei, als der Voigt die Soldaten täuschte und mit ihnen das Rathaus von Köpenick überfiel«, bekam ich als Antwort. »Und als die Geschichte später in den 50ern mit Heinz Rühmann verfilmt und der Film dann zum ersten Mal in Wolfsburg gezeigt wurde, war Otto Winkelmann als Ehrengast eingeladen. Das stand damals in der Zeitung. Daher wissen wir das.«<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nach dieser überwältigenden Mitteilung gingen die betagten Damen weiter an den nächsten Tisch. Kichernd natürlich. Und ich saß da, ganz allein, eingeschüchtert und gelähmt vom Wissen um die historischen Verstrickungen meines Urgroßvaters. Nur gut, dass er nicht der Frisör von Heinrich Himmler war, dachte ich zuerst. Doch auch wenn er tatsächlich nur einer der Wachsoldaten gewesen war, die sich in der »Köpenickiade« dem falschen Hautpmann angeschlossen hatten, kann sein Auftritt als blinder Befehlsempfänger ja nicht gerade als heldenhaft bezeichnet werden.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Immerhin, 50 Jahre später kam er dafür einmal umsonst ins Kino. </div>
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		<title>Grenzgänger</title>
		<link>https://www.wortmax.net/grenzgaenger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Holger Reichard]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Mar 2023 15:58:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[History]]></category>
		<category><![CDATA[Brome]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Grenze]]></category>
		<category><![CDATA[Sperrgebiet]]></category>
		<category><![CDATA[Wittingen]]></category>
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				<div class="et_pb_text_inner">Als kleiner Junge besuchte ich mit meinen Eltern oft diese Aussichtsplattform zwischen Brome und Wittingen, um unsere Verwandten in der DDR sehen zu können, die direkt an der Grenze wohnten, im sogenannten Sperrgebiet. Mit dem Auf- und Zuziehen ihrer Gardinen gaben sie uns zu verstehen, dass sie uns auf der Plattform entdeckt hatten. Ein Winken war zu riskant.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ihren Blick aus dem Osten Deutschlands teilen zu können, war mir erst im Januar 1990 möglich, als das Sperrgebiet für Westdeutsche zugänglich wurde. Damals machte ich dort dieses Foto. Es zeigt die Plattform, auf der ich als kleiner Junge stand – und weder verstand noch hinterfragte, warum wir nicht einfach zu unseren Verwandten fuhren. Ich war mit der Grenze aufgewachsen und nahm sie als selbstverständlich hin.<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;So richtig bewusst wurde mir dieser Irrsinn eigentlich erst, als ich im Januar 1990 von Osten auf diese Plattform schaute. Neben mir stand ein Mann, der aus Hamburg angereist war und ähnliche Kindheitserinnerungen hatte. Wir redeten nicht viel miteinander, sondern starrten nur mit feuchten Augen auf diese bekloppte Aussichtsplattform.</div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_divider et_pb_divider_4 et_pb_divider_position_ et_pb_space"><div class="et_pb_divider_internal"></div></div>
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