Es gibt für alles ein erstes Mal. Auch für die Frankfurter Buchmesse. 1989 schwirrte ich erstmals durch die heiligen Bücherhallen. Und in wenigen Tagen bin ich wieder dort. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, müsste es – nach einer längeren Abstinenz in den 90er Jahren – meine 20. Messeteilnahme sein. Ein kleines Jubiläum. Ich frage mich gerade, wie viele Generationen an Büchermenschen Frankfurt seit meinem ersten Messebesuch ausgespuckt hat.

Für die Extra-Portion Romantik mache ich mich im Titel mal etwas jünger. Im Oktober 1989 war ich nicht mehr 18, sondern fast 23. Ich lebte damals in Riddagshausen, eine der nobelsten Ecken von Braunschweig. Aber bitte keine falschen Rückschlüsse ziehen! Es war die heruntergekommenste Wohnung in dieser Gegend. Gerade mal 38 qm groß, direkt an einer der Haupteinfallstraßen. Ein einziger Gasofen und keine Iso-Fenster. Nur 5 Millimeter Dickglas trennten mich vom urbanen Autolärm. Das kleine Zuhause teilte ich damals für ein paar Wochen mit J., den man, wenn mich die Erinnerung nicht trübt, aus seiner WG geworfen hatte. Er lebt heute in Südamerika, ist dort u.a. als Sportjournalist für die Junge Welt unterwegs.

Im Oktober 1989 fühlten wir uns beide zu großen Schriftstellern berufen. Rivalisierend hackten wir auf unsere Schreibmaschinen ein, förderten erste Lyrik und Prosa zu Tage, er in meiner kleinen Küche, ich in meinem kleinen Wohnzimmer. Die Türen standen offen, damit man hören konnte, wie fleißig der andere war. Eine Handvoll Gedichte hatten wir bereits in Anthologien unterbringen können. Logisch, dass wir uns nun auch mal auf einer Buchmesse blicken lassen mussten.

Ich war mir nicht sicher, ob mein klappriger Audi 80, das damals reparaturanfälligste Auto in ganz Braunschweig, die rund 340 Kilometer nach Frankfurt noch schaffen würde. Der Plan war, erst einmal die Autobahn-Raststätte Seesen anzusteuern und von dort aus zu trampen. Doch der Motor schnurrte wie ein Kätzchen, wahrscheinlich ein Zeichen, und so fuhren wir ohne Panne bis nach Frankfurt durch.

Wir waren jung, wir waren frei und wir hatten genügend filterlose Kippen dabei. Die Welt gehörte uns. Und sie wurde um ein Vielfaches größer, als wir auf dem Messegelände in Frankfurt ankamen. Die vielen Menschen, die alle mit Büchern zu tun hatten, das riesige Gelände, das internationale Flair. Und natürlich waren wir in unserer spätpubertären Aufbruchstimmung auch von den Frauen elektrisiert, die das Messegelände bevölkerten. Ehrengast 1989 war Frankreich.

Man darf bei unserem damaligen Horizont ja nicht vergessen: Es gab noch kein Internet, wenig Auslandserfahrung, keine globalisierte Gesellschaft im heutigen Sinne, Deutschland war geteilt, wenn auch nur noch für wenige Tage. Und dann J. und ich, zwei glorreiche Provinznasen und ein Halleluja, aufgewachsen im Zonenrandgebiet, wo es außer kalten Grenzanlagen und zwei weiteren TV-Kanälen nicht viel zu sehen gab. Man besuchte diese Gegend nicht, man floh aus ihr. Zum Beispiel nach Frankfurt.

Eigentlich hätte uns die Vitalität der Buchmesse auf der Stelle erschlagen müssen, so wie es heute noch vielen Menschen ergeht, die sich die Messe »mal anschauen« möchten, dann aber schon nach kurzer Zeit ob der vielen Impressionen kapitulieren. Dieses Schicksal blieb uns erspart. Denn wir hatten ein Ziel: den EinfallsReich Verlag in Halle 3.1. Dieser hatte gerade eine neue Anthologie herausgebracht, »Naturbulenzen«, mit Texten, Fotos und Illustrationen zum Thema Umweltschutz. Auch J. und ich hatten ein paar lyrische Verse beigesteuert.

Am Stand von EinfallsReich trafen wir auf einen einsam operierenden, frustrierten Verleger. Sein Lektor und Partner hatte ihn versetzt. Doch sein Pech war unser Glück. Um in den Messehallen und Agenturräumlichkeiten selbst auf Exkursionskurs gehen zu können, heuerte er J. und mich als Standvertretung an. Und so saßen wir an seinem Stand, drei Tage lang, hüteten die Exponate, tranken literweise Kaffee und führten reihenweise interessante Gespräche mit anderen Autoren und Künstlern, die in den EinfallsReich-Anthologien vertreten waren und den Verlag auf der Messe aufsuchten, darunter Charismatiker wie Manfred Chobot. Von Dauer waren diese Kontakte nicht. Dennoch: Ich hatte das Networking für mich entdeckt.

Frankfurter Buchmesse 1989Damals wie heute ein Problem: die Übernachtungsmöglichkeit. Wir waren auf blauen Dunst nach Frankfurt gefahren. Den ersten Abend hielten wir uns in einer Bar so lange an unseren Biergläsern fest, bis die Stühle hochgestellt wurden und die Bedienung uns vor die Tür setzen musste. Daniela hieß sie, glaube ich. Glücklicherweise hatte sie für mittel- und konzeptlose Literaten wie uns ein großes Herz. Vielleicht haben wir aber auch nur lange genug gebettelt. Jedenfalls nahm sie uns mit in ihre Wohnung nach Langen und ließ uns dort im frisch bezogenen Doppelbett ihrer verreisten Schwester übernachten.

Ein schönes Erlebnis, aber auch ein einmaliges. Das Reservoir an hilfsbereiten Kellnerinnen in Frankfurt ist nicht unerschöpflich. Die nächste Nacht verbrachten wir frierend in meinem klapprigen Audi 80, den ich in einer dunklen Seitengasse unweit des Hauptbahnhofs geparkt hatte. Ich glaube, es war genau diese Nacht, die später zum Zerwürfnis mit J. führte. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, warf ich ihn kurz nach unserer Rückkehr aus meiner Wohnung.

2016 muss ich die Nacht dankenswerterweise nicht mehr frierend in einem alten Auto absitzen. Und auch sonst hat sich seit 1989 einiges verändert. Ich erinnere mich an das Rowohlt-Café, das es schon lange nicht mehr gibt. Das Monstrum von Messeturm befand sich, wie das eingefügte Foto belegt, noch im Bau. Fertigstellung erst 1990. In den Messehallen durfte damals noch gequalmt werden, bis die Feuerwehr kam. Ich habe sie noch vor Augen und in der Nase: die dicken Nebelschwaden in den Übergangsbereichen der Hallen. Und noch etwas hat sich verändert: Das Publikum, das sich heute auf der Messe herumtreibt, ist im Laufe der Jahre deutlich jünger geworden. Es kann aber auch sein, dass ich im Laufe der Jahre nur älter geworden bin.

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